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6. Castlerock 20056. CASTLE ROCK FESTIVAL
25.06. - Mühlheim, Schloss Broich

Musikalischer Grosskampftag im Ruhrgebiet. Während Trent Reznor mit den Nine Inch Nails nur wenige Kilometer von Mülheim entfernt in Oberhausen Station machen, finden sich bei strömendem Regen zum sechsten Male rund eintausendachthundert Fans im altehrwürdigen „Schloss Broich“ ein, um das „Castlerock“-Festival zu feiern, das sich mit DOWN BELOW, ELIS, NIK PAGE, JANUS, den CRÜXSHADOWS und THERION dieses Jahr ausgesprochen rockig präsentierte und die Electro-Fraktion vollkommen aussen vor liess. Ob es alleine daran und einem, auf den ersten Blick nicht ganz so starken Line-Up lag, dass das Festival nicht wie die Jahre zuvor bereits Wochen vorher schon ausverkauft war, oder an der Tatsache, dass mit dem Nine Inch Nails Konzert und dem nur eine Woche später stattfindendem „Amphi“-Festival in Gelsenkirchen neue Konkurrenz erwachsen ist, darüber kann man nur spekulieren.

Down BelowDen Auftakt machen die Rosslauer DOWN BELOW, wobei sich der Platz vor der Bühne trotz des niederprasselnden Regens ganz gut gefüllt hat und auch der sich sonst bei solchen Gelegenheiten bildende Sicherheitsabstand zur Bühne in Grenzen hält. Die Band präsentiert in gut vierzig Minuten einen Überblick über ihr Debütalbum „Silent Wings Of Eternity“, agiert routiniert und spielfreudig, Sänger Neo-Scope verfügt über eine unbestritten ansprechende Ausstrahlung – nicht nur auf Frauen – und ist ein guter Sänger, aber nicht nur bei mir will der Funke von der Bühne herab nicht so recht überspringen. Von dem ägyptischen Flair, das „Silent Wings Of Eternity“ auf CD zumindest phasenweise noch verbreitete, ist live nichts oder nur wenig zu spüren und so wirken die dunklen Rocksongs dann spätestens ab der dritten Nummer relativ austauschbar. Hinzu kommt, dass kaum einer der Songs im Ohr bleibt. Ein netter, aber beileibe nicht mitreissender Auftakt des „Castlerock“.

RegicideREGICIDE boten mit ihrem leicht rockigen Mittelaltergemisch musikalisch unspektakuläre Hausmannskost, wobei das gesangliche Wechselspiel zwischen Frauke Richter und Timo Südhoff sowie das Geigenspiel von Jonna Wilms durchaus ansprechend durch die Lautsprecher schallten. In knapp vierzig Minuten boten REGICIDE dabei einen Querschnitt durch ihre beiden Alben „Viorus“ und „Behind Your Eyes“, doch wie bei vielen nachrückenden Bands dieses Genres überzeugt zwar das handwerkliche Können, nicht aber die Originalität. Auch REGICIDE hatten unter dem heftigen Regen, der über den Schlosshof peitschte zu leiden, und so konnte und wollte der Funke von der Bühne auch hier nicht wirklich überspringen.


ElisELIS, ehemals Erben der Schöpfung, befinden sich mitten in der Vorproduktion ihres neuen Albums und haben diese für ihren Auftritt in Mülheim unterbrochen. Sängerin Sabine Dünser, im weissen Nadelstreifenanzug, war unbestrittener Blickfang auf der Bühne, doch litt gerade der Auftritt der Liechtensteiner unter dem zunehmenden Regen, der zwischenzeitig wieder etwas abgeflaut war. Musikalisch boten ELIS guten, aber nicht hochklassigen Gothic Metal, bei dem sich, wie auch bereits bei DOWN BELOW, wirkliche Höhepunkte kaum ausmachen liessen. Am ehesten vielleicht noch bei „Der letzte Tag“, für das ELIS auch ein Video gedreht haben, doch machte dieser Auftritt deutlich, warum ELIS bisher eher in der zweiten Riege der Gothic Metal-Szene agieren: es fehlt an eindeutigen Wiedererkennungswerten und packenden Songs. Solides Handwerk, mehr aber auch nicht.


Nik PageAuf dem Weg nach Mülheim schienen NIK PAGE und seine SACRIFIGHT ARMY unterwegs alle Schrottplätze der Republik abgeklappert zu haben, denn neben einer Reihe von Schaufensterpuppen fanden sich einige verwegen aussehen Metallkonstruktionen zur Dekoration auf der Bühne. Der ehemalige Blind Passengers-Sänger samt Musiker bot im folgenden nun einen musikalischen Streifzug durch seine beiden Alben „Sin Machine“ und „Sacrifight“, wobei schnell klar wurde, dass der 21st Century Goth’n Roll des Berliners seine Wurzeln bei Edelpunk Billy Idol hat und selbst die Mimik Niks den Einfluss des Herrn Idols nicht verleugnen konnte. Die Band selbst agierte mit zwei GitarristInnen und zog ordentlich rockend gut vom Leder, doch auch hier galt nach wenigen Songs, dass sich songschreiberisch einfach keine mitreissenden Höhepunkte ausmachen liessen, mit Ausnahme der gemeinsam mit Angelzoom und Joachim Witt veröffentlichten Nummer „Dein Kuss“.

JanusJANUS, alte Bekannte auf dem „Castlerock“, wurden als erste Band des Tages und ausgleichende Gerechtigkeit zu ihrem ersten Auftritt im Schloss Broich vor einigen Jahren vom Regen verschont. Ihre „Auferstehung“ zelebrierten JANUS dann mit tatkräftiger Unterstützung von Chamber-Cellistin Katharina Kranich und der neuen Sängerin Sängerin Diana Nagel. JANUS waren dann auch die erste Band, die mehrheitlich begeistert aufgenommen wurde und den Burghof wirklich zum Kochen brachte, vor allem bei Bandklassikern wie „Schwarzer Witwer“ oder dem nach wie vor einfach nur brillianten „Saitenspiel“. Der Ausblick auf das neue Album, über das Rig und Tobias in dem für JANUS fast schon revolutionär zu nennendem Veröffentlichungszeitraum vom Ende diesen Jahres sprechen, fiel knochenhart aus und die Vehemenz und der starre, an Irr- und Wahnsinn erinnernde Blick der beiden Hauptakteure von JANUS liess keinen Zweifel über die Ernsthaftigkeit aufkommen, mit der Tobias und Rig ihre musikalische Mission verfolgen. Überragend zudem das, was Gitarrist Oliver Lohmann, spieltechnisch zwischen Genie und Wahnsinn, showtechnisch vollkommen zu letzterem neigend, während des stürmisch gefeierten Sets bot. Die gerechte Belohnung für diesen krachenden Auftritt waren zwei verdiente Zugaben. Abstriche gab es bei JANUS leider beim Sound zu machen, denn das Cello klang leider wie eine alte Metallknarre.

CrüxshadowsMit gemischten Gefühlen sah ich dann dem Auftritt der CRÜXSHADOWS entgegen, die ich in den letzten Jahren einfach zu häufig gesehen habe und die mich mit ihrem letzten Album auch nicht wirklich überzeugen konnten. Wie gewohnt begann Rogue seinen Auftritt dann auch inmitten der Fans mit der Rezitation von „Anabel Lee“, bevor er sich bis zur Absperrung vorarbeitete und dann die ganze Breite und Höhe der Bühne ausnutzte, um zusammen mit seinen beiden Tänzerinnen Jessica Lackey und Sarah Poulos, Geigerin Rachel McDonnell, George Bikos und Trevor Brown einen Klassiker der Band nach dem anderen zum besten gab. „Marylin“, „Deception“, „Winterborn“ ... die Liste an Klassikern liesse sich beliebig fortsetzen und mit zunehmender Spieldauer wich meine Voreingenommenheit ob der Spielfreude der Band und der guten Laune, die die CRÜXSHADOWS scheinbar mühelos verbreiteten. Man kann der Band vorwerfen, dass sich seit dem ersten Auftritt, den ich damals im Vorprogramm von Ikon in Neuss beiwohnen durfte showtechnisch nichts verändert hat, dabei muss man aber neidlos anerkennen, dass Rogue ein absoluter Vollprofi ist, der auf seine Fans eingeht und selbst nach Beendigung des Sets noch eine Stunde lang Autogramme schrieb, wie im übrigen alle Bands mit Ausnahme der noch folgenden THERION hier in Mülheim wieder einmal wirkliche Fan-Nähe erkennen liessen und sich am Merchandise-Stand aufhielten oder bereitwillig für Fotos mit den Fans posierten. Zwischendurch machte Rogue dann in bestem Deutsch noch Werbung in eigener Sache, indem er auf die gerade erschienene DVD hinwies bevor er und seine Tänzerinnen sich zum Schluss noch einmal auf einen Ausflug ins Publikum begaben um von dort aus zu singen.

TherionNach einer langen Umbaupause stand zum Abschluss des Tages dann gegen 20:45 Uhr das Schwedische Metal-Orchester von THERION auf der Bühne, das showtechnisch mächtig einen her machte und poste, was das Zeug hielt. Verstärkt durch drei Opernsängerinnen und zwei Opernsänger liessen THERION musikalisch wie showtechnisch nichts anbrennen und präsentierten sich trotz der Vielzahl an Orchester- und Chor-Samples als perfekt eingespielte Band von Ausnahmemusikern, wobei vor allem die Sangesfraktion immer wieder zu begeistern wusste. Auch wenn sich der Schlosshof als Folge der doch recht gleichförmigen Songs, die zurück bis zu den ersten Alben der Schweden reichten, mit zunehmender Spieldauer immer mehr leerte, so wurden die verbliebenen Fans mit einer atemberaubenden Version des Motörhead-Klassikers „Iron Fist“ als Zugabe belohnt, die wahrscheinlich bis nach Oberhausen dröhnte, wo Motörhead am gleichen Tage mit Nine Inch Nails und System of a Down beim bereits eingangs erwähnten „Area 4“-Festival auftraten.

Im Gegensatz zum letzten Jahr, wo sich an das Jubiläumsfestival noch eine Party im nahe gelegenen Ringlokschuppen anschloss, war die sechste Auflage des „Castlerock“ nach dem Auftritt THERIONs beendet. Auch wenn sich atmosphärisch wenig verändert hat und der Besucher hier in dieser familiären Atmosphäre mehr geboten bekommt als bei anderen, grossen Festivals, so war das diesjährige „Castlerock“ nicht der ganz grosse Wurf. Zum Teil mag es mit an den unwirtlichen Witterungsbedingungen gelegen haben, zum anderen aber auch an der Tatsache, dass das Line Up in seiner Gesamtheit doch nicht ganz an die Vorjahre heranreichte, denn wie anders ist es zu erklären, dass sich der Schlosshof beim Headliner bereits merklich geleert hatte und auch ein Teil der Shows zwar nett war, aber eben nicht überragend war. Organisatorisch hingegen war das „Castlerock“ wieder einmal mehr ein Paradebeispiel für ein gelungenes und fanfreundliches Festival, bei dem von der Security über den Sound – mit oben genannten Abstrichen bei JANUS - bis hin zu den Preisen für Essen und Getränke einfach alles stimmte. Die Vorfreude auf das nächste Jahr kann also beginnen.


Michael Kuhlen (Obliveon) für GothicWorld
Photos: Mandy Böttcher, Michael Kuhlen

Weitere Fotos des "6. Castelrock" findet Ihr in der Foto-Galerie auf www.obliveon.de.