special:

PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB
20 YEARS OF INDIE CULT
09.03. 2005 Centralstation / Darmstadt


PHILLIP BOABoa´s SetlistFrüher war alles besser! In den 80ern gab es in Deutschland keinen echten Popstar & der junge Ernst Ulrich Figgen erlangte mit Punk & Underground-Pop schnell als PHILLIP BOA Kultstatus plus den oft von ihm verwunschenen kommerziellen Erfolg. Heute wird der Terminus "Kult" doch lediglich als inhaltsleere Floskel für jeden funny Scheiß verwendet. Zur gleichen Zeit musste man für eine Flasche feinsten Roten aus dem Medoc noch tief in Mutter's Haushaltskasse greifen, heute vertickern Lidl & Aldi "Châteauneuf du Pape" oder auch einen "Grand Cru Saint Emilion" ab 7.99 €. Schwere Zeiten für Jeden, der seinen quasi-religiösen Status erhalten will...

Die schwarz-weiß-roten Tour-Plakate im Agitprop-Style wurden spärlich verklebt in der südhessischen Provinz, nur wer direkt danach suchte wurde fündig & auch sonst kam schon mal die Frage auf, weshalb sollte Boa ein solch betiteltes Konzert geben. Die Best-Of-Scheibe war doch schon seit etwas mehr als 2 Jahren draußen & Neueres noch nicht unmittelbar in Sicht. Der Mann hat doch viel zuviel Charisma um sich dem totalen Ausverkauf hinzugeben…egal, ein bisschen Nostalgie mag ich mir jetzt doch noch leisten & pünktlich 20.00 Uhr steh ich vor der Pforte mit nur einer Hand voll Gleichgesinnter. Eine halbe Stunde vergeht bis uns dann endlich doch noch aufgetan wird. Die Aldi-Preise & Qualitäten haben sich hier noch nicht bemerkbar gemacht, so tut's dann auch ein günstiger Merlot… die wenigen Anderen sind auch schon im Rotwein-Alter angekommen. Doch kaum ist das Glas leer, 5 Minuten vor Konzertbeginn, bricht's wie eine Flut in den Saal & jeder nur freie Platz wird restlos belegt.

Timid TigerSupporter ist auf dieser Jubiläumstour die Band TIMID TIGER. Kein Schwein kennt wohl diese irgendwie nach chinesischem Kräuterfluid benannten Schrammler. Aber he, die kommen doch mit Boa & haben sicher mehr als nur den Auftrag die Beschallungstechnik zu testen. Die Kölner nutzten die Chance vor großem Publikum ihre Songs zu präsentieren & hinterließen neben dem optischen Eindruck einer gutgelaunten Schüler-Formation, auch Begeisterung. Von Anfang an! Retro-Rock wie er die College-Radios, drüben überm großen Teich, beherrscht… gepaart mit elektronischen Sprenkeln & fetten Grooves. Kleine Mädchen tanzten verzückt zur Geschichte von ‚Kelly' & schmachten Sänger Kershav hingebungsvoll an. ‚Miss Murray' überzeugt rockigst dann auch den letzten Zweifler mit einer Mischung aus "Smash Mouth" versus "Franz Ferdinand". Mit ‚Let the City save us' & ‚Love Boat' entließen sie uns in die Vorfreude auf den Frühling. Die Zugabe-Rufe waren durchaus ernst gemeint. Was folgte, war dann nur eine kurze gastfreundliche Umbauphase welche mit weiteren L'age d'or-Künstlern vom Band beschallt wurde. Indie-Cult im Sinne des heutigen Verständnisses…

PHILLIP BOADie Bedürfnisaffinität des Publikums entlud sich in stürmischem Begrüßungsapplaus & BOA stimmte als Einstieg ‚Annie flies the lovebomber' an. Sachte, demütig & den Blick nach unten gesenkt… ist das der BOA, welcher sich nur wohl fühlte wenn sein Überego mit einem satten Arschloch aus dem Publikum honoriert wurde? Er ist es! Nur sanfter & mit Mut zu Zwischentönen & Pia Lund wieder in der Bühnenausstattung. Grad setzt er an um ‚Diana' einen seiner ersten Songs zu intonieren - da kommt es zum Eklat. Ein großer, nicht ganz nüchterner Typ schreit lauthals "Altersheim"… "ich hab dich früher rocken gesehen" & BOA gibt gleich dicke Kontra: "Wenn Du Mut hast, kommst Du nach dem Konzert hinter die Bühne". Ein paar Takte weiter & das gleiche Spiel von vorn. Zur Untermauerung seiner (alleinigen) Meinung flog auch noch die neue Jubiläums-EP in Richtung BOA. Der stoppte das Konzert, sagte "Tschüß, dass war's" & "Ich habe gerade Dein Gesicht angeguckt, dass ist von 28 Jahren Dummheit gezeichnet". Machte dann aber süffisant klar, dass mit 42 Jahren noch lang nicht Schluss ist & fragte sein überaus parteiisch grinsendes Publikum, weshalb er sich denn überhaupt auf solch einen Disput einlassen konnte. Der Störenfried verließ den Saal mit tatkräftiger Unterstützung der Security & Pia ließ noch einmal ihren Solo-Hit ‚Der Himmel' erstrahlen. Aus dem Saal bekam sie dafür mehr Zuwendung als vom ‚International Moskito' selbst.

PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUBObwohl das Zusammenspiel perfekt, der Sound stimmig, dass Publikum willig & BOA bestens aufgelegt war... hatte man den Eindruck - da singen 2 Solisten & eine Band, die alle rein gar nix miteinander zu tun haben wollen. ‚It's not punk anymore, it's now new wave'! Der Voodooclub war nicht mehr der gleiche, wie in alten Tagen & kämpfte tapfer mit ein paar kleinen technischen Tücken, welche der Meister mit einem Tritt gegen die Gitarre quittierte. Dann ging's wild gestikulierend durch die Tage unvergessener Hits. ‚Fine art in silver' brachte den Breakeven & ‚This is Michael' den Pogo zurück… ‚Love on sale' möchte man meinen. BOA spielt alles was dem Publikum lieb & teuer ist, beschert ihnen den musikalischen Zeitraffer… etwas Velvet Underground, liebenswerte Geschichten von Begegnungen auf dem Roskilde-Festival & Titel die er lange Zeit selbst nicht mehr spielen mochte. Das neue ‚Makin' noise since '85' ist weit entfernt von Pop & knarzt korrekt wie in seinen Anfangstagen. Entertainment & nicht Selbstdarstellung lautet die Devise. ‚I dedicate my soul to you' durfte jeder wörtlich nehmen. In der Verlängerung gibt Pia die sehr gelungene NuRock-Version von Nico's ‚Femme fatale'. Dann zelebriert der ‚Ex 1/2 Popstar' für alle zum mitgrölen noch einmal die ‚Container love'.

PHILLIP BOAWährend der krönende Abschluß ‚Kill your idols' ertönt, sind die Jungs von TIMID TIGER schon am Merchandising-Stand & flirten auf Teufel komm raus. Wie nebenbei verkaufen sie pastellfarbene T-Shirts mit ihrem Bandmaskottchen drauf, einer Mischung aus Hello-Kitty & Janosch's-Papa-Löwe…
kill your idols, kill your idols now!


Bericht + Fotos: Ivo Klassmann für GOTHICWORLD


www.phillipboa.de

www.timidtiger.com