interview:

KARI RUESLATTEN
"Die Geschichten anderer …"

Kari RueslattenDer Name Kari Rueslatten wird trotz einer Reihe von veröffentlichten Alben unter ihrem eigenen Namen immer noch unweigerlich mit The 3rd and the Mortal in Verbindung gebracht. Dabei sind die musikalischen Unterschiede zwischen Kari und ihren ehemaligen Kollegen, trotz einer gewissen Annäherung in den letzten Jahren, doch immer noch vorhanden. „Other People’s Stories“, das neueste Album der sympathischen Norwegerin, ist durchzogen von ruhigen und melancholischen Momenten, musikalisch basierend auf entspannten, Trip Hop ähnlichen Grooves und Beats, wobei die Instrumentierung zum Teil sehr minimalistsich ausfällt. Doch gerade durch diese verhältnismässig sparsame Instrumentierung kommt die wundervolle Stimme Karis erst so recht zur Geltung.

GW: „Other People’s Stories“ erscheint ziemlich genau zwei Jahre nach der Veröffentlichung des letzten Kari-Albums, „Pilot“, und zum ersten Mal auch offiziell in Deutschland. Alle vorherigen Alben Karis waren zumeist nur auf dem Importwege in Deutschland erhältlich und dementsprechend schwer zu erstehen, und dass, obwohl Kari, ähnlich wie beispielsweise Tori Amos, eine treu ergebene und fanatsiche Anhängrschaft in Deutschland besitzt.

Kari: „Other People’s Stories“ wird diesmal auch in Norwegen zeitgleich mit dem Rest der Welt veröffentlicht. Ursprünglich war wieder ein vorgezogener Veröffentlichungstermin für Norwegen geplant, aber dieses Mal haben wir extra auf Deutschland gewartet, um alles besser koordinieren zu können. Seit der Veröffentlichung von „Pilot“ habe ich kontinuierlich auf „Other People’s Stroies“ hin gearbeitet, um das bestmögliche Album abzuliefern. Es geht mir nicht darum einfach nur ein Album zu veröffentlichen, sondern, das wirklich erstklassig ist und hinter dem ich hundertprozentig stehen kann.

GW: Wird es zu „Other People’s Stories“ auch wieder eine norwegische Version geben?

Kari: Das einzige Mal, dass ich eine norwegische Version gemacht habe, war mit „Spindelsinn“. Seitdem habe ich nur englischsprachige Alben veröffentlicht. Wir haben damals überlegt, auch eine englische Version zu machen, aber es fühlte sich einfach nicht gut an und so haben wir nur die norwegische Version veröffentlicht. Meine Texte sind mir zudem sehr wichtig, so dass ich darauf achte, dass möglichst viele Menschen verstehen, worüber ich singe.

Kari RueslattenGW: Was letzten Endes auch im Titel des neuen Albums zum Ausdruck kommt. Wessen Geschichten erzählst du also mit dem Album, und um was für Geschichten handelt es sich?

Kari: Ein Teil des Texte beruht auf tatsächlich Geschehenem, während andere Texte durchaus einen realen Hintergrund besitzen könnten. Manche der Texte sind sehr lustig, andere sehr bizarr und andere wiederum sehr traurig. Was ich erreichen wollte, war mich in der Psyche andere Menschen einzufühlen um die Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten.

GW: Nimmst du bei deinen Texten eher eine beobachtende Erzählperspektive ein, oder versuchst du einen persönlichen Bezug in deinen Texten herzustellen?

Kari: Ich personifiziere Texte in jedem Fall. Deswegen schreibe ich meine Texte auch immer in der ersten Person, denn sie könnten auch durchaus mich betreffen. Daher bin ich auch der Auffassung, dass man bestimme Dinge, die Menschen tun oder getan haben, nicht vorschnell verurteilen sollte. Wer weiss wie wir reagiert hätten, wenn wir uns in der selben Situation befunden hätten. Ich finde, wir Menschen sollten uns untereinander viel mehr Achtung entgegenbringen.

GW: Wie wichtig sind im Zusammenspiel mit deinen Texten Träume für dich? Ich finde, dass viele deiner Songs und der Stimmungen, die dadurch zum Tragen kommen, sehr atmosphärisch und sehr melancholisch sind, was ich persönlich sehr mit dem Begriff des Traumes in Verbindung bringe.

Kari: Da stimme ich dir zu. Ich finde, es ist ein sehr schöner Gedanke, dass meine Zuhörer die Musik benutzen können, ihrer Welt zu entfliehen, um einen Platz und die innere Ruhe finden, zu träumen und zu sich selbst zu finden. Viele meiner Texte wenden sich an die Vorstellungsraft ihrer Zuhörer und die Vorstellung, wie manche Dinge wohl sein könnten.

GW: Die Texte zu „When Lilies Bloom On Winter Day“ oder auch „Carved In Stone“ sind sehr persönlicher Natur. Hast du zu diesen Songs einen ganz besonderen Bezug, vielleicht stäkrt, als zu anderen Liedern des Albums?

Kari: Das ist sehr schwer zu sagen, denn ich habe sehr hart an dem Album gearbeitet und möchte natürlich, dass jeder Song für sich alleine stehen kann. Sie liegen mir daher alle sehr am Herzen und sind sehr persönlich.

Kari RueslattenGW: Bei dem Text zu „Ride“ hatte ich den Eindruck, er wäre für ein Kind geschrieben worden.

Kari: „Ride“ ist eher metaphorisch gehalten, kann aber sicher auch als sehr persönliches Lied verstanden werden. Bei „Carved In Stone“ habe ich mir vorgestellt wie es wäre, eine Schwester zu haben. Eine Schwester, die die Geschichte ihrer grösseren Schwester erzählt.

GW: Hast du eine grössere Schwester?

Kari: (lacht) Nein, ich bin die grosse Schwester!

GW: Du lebst in Oslo, einer Grosstadt, doch empfinde ich deine Lieder als sehr naturverbunden. Wie findest du in der Hektik einer Grosstadt die Ruhe und die Muße, solch atmosphärische Songs zu schreiben?

Kari: Du hast sicher nicht ganz unrecht, aber auch, wenn Oslo eine Grosstadt ist, so ist sie, verglichen mit anderen Grosstädten, doch eher klein und überschaubar. Das ist vielleicht auch das besondere an Norwegen, denn egal, wo und in welcher Stadt man lebt, man ist der Natur immer sehr eng verbunden. Das ist also kein grosses Problem, zumal die Natur für mich eine sehr grosse Quelle der Inspiration darstellt. Ich bin daher auch schnell direkt in der Natur. Auf der anderen Seite reise ich aber immer auch in den Norden Norwegens, wo die Natur noch viel majestätischer und ursprünglicher ist.

GW: Du schreibst deine Songs also auch in dieser, stark durch die Natur geprägten Umgebung?

Kari: Das kommt immer darauf an, wo und in welcher Stimmung ich mich gerade befinde. Es ist eher so, dass ich in den Norden reise und Inspirationen sammle, die ich dann nach meiner Rückkehr in die Songs einfliessen lasse. Die Natur hat definitiv einen grossen Einfluss auf mein Songwriting.

GW: Du hast einen Teil der Songs zusammen mit Roy Ole Forland geschrieben. Wie gross und wie wichtig war sein Einfluss auf „Other People’s Stories“?

Kari: Das war das erste Mal, dass ich überhaupt mit jemanden zusammengearbeitet habe, um Songs zu schreiben. In der Vergangenheit habe ich es vorgezogen alles alleine zu machen. Mit Roy Ole habe ich mich sehr wohl und entspannt gefühlt und es war eine schöne Erfahrung mit jemandem zusammen zu arbeiten.

GW: Warum hast du dich dieses Mal entschieden, mit einem anderen Musiker zusammenzuarbeiten?

Kari: Das war eher Zufall und ergab sich im Laufe der Arbeit, Ursprünglich sollte er das Programmieren übernehmen, doch eines Tages kam er mit einigen Ideen für die Songs an und wollte wissen, ob ich interessiert wäre, diese zu hören. Das klang sehr gut und von da an entwickelte sich alles weitere automatisch.

GW: Über welchen musikalischen Hintergrund verfügt er?

Kari: Ich bin mir gar nicht sicher, aber ich meine, er kommt aus dem Metal-Bereich.

GW: Wie du ja auch. Denkst du daher, dass dieses gemeinsame musikalische Hintergrund für das gute Gelingen dieser Zusammenarbeit verantwortlich war?

Kari: Das ist gut möglich. Wir haben uns einfach gut verstanden.

Kari RueslattenGW: Was kannst du uns über das Video erzählen, welches ihr für das neue Album gedreht habt?

Kari: Wir haben für das Titelstück ein Video gedreht. Wir haben das Video eines Nachts im Hauptbahnhof von Stockholm gedreht, wo ich mich in einem Raum befinde, umgeben von Aufbewahrungskisten, und ständig kommen Leute in den Raum, um Dinge in diese Kisten zu tun oder aus ihnen herauszuholen. Jemand legt ein Baby in eine der Kisten, ein anderer holt eine Pistole heraus und wiederum ein anderer einfach nur eine Tasche. All diese Menschen teilen also ihr Schicksal mit uns und ich fand, das war eine sehr schöne Idee.

GW: Hattest du einen direkten Einfluss auf die Gestaltung des Videos?

Kari: Es war der gleiche Produzent wie beim „Exile“-Video von „Pilot“ und ich habe ihm vorab das Lied geschickt und wollte wissen, wie er dieses Lied sieht. Er hatte dann diese Idee, die ich sehr schön fand und auf die ich nie im Leben gekommen wäre. Ich hätte vielleicht einen engeren Bezug zur Natur hergestellt, aber all diese Menschen, die ihr Schicksal mit uns teilen, verleihen dem Video eine sehr warme und menschliche Note.

GW: Alle Alben, an denen du mitgewirkt hast, sind durchzogen von einer tiefgreifenden Melancholie. Hast du dich je gefragt, woher diese Melancholie kommt?

Kari: Ich muss zugeben, dass ich einfach keine Songs schreiben kann, wenn ich mich glücklich fühle. Ich muss mich in einer ganz bestimmten Stimmung befinden, um Songs schreiben zu können. Meistens schreibe ich, wenn es draussen dunkel oder spät in der Nacht ist. Ich kann einfach keine Songs schreiben, wenn ich viele Menschen um mich herum habe. Die Songs reflektieren schon sehr stark, wer ich bin und was ich darstelle.

GW: Es gibt mit Rawthang und AK1200 zwei weitere Projekte, an denen du musikalisch beteiligt warst. Weißt du, ob diese Sachen überhaupt je in Deutschland veröffentlicht worden sind?

Kari: Ich bin mir nicht sicher. Das sind eher Drum’n Bass-Geschichten gewesen. Rawthang ist ein Freund von mir aus Trondheim, der hauptsächlich als DJ arbeitet. Das sind echte Hardcore Remixes von einigen meiner Songs.

GW: Lass uns mal auf The 3rd and the Mortal zusprechen kommen. Hast du noch Kontakt zu deinen ehemaligen Mitstreitern?

Kari: Ja, wir sind alle in Trondheim aufgewachsen und besuchen uns regelmässig, zum Teil wohnen sie auch noch dort. Wir sind gut befreundet.

GW: Wenn man deine musikalische Entwicklung mit der von The 3rd and the Mortal vergleicht, vor allem in den letzten Jahren, dann fällt auf, dass diese sehr ähnlich verlaufen ist und Metal-Einflüsse nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.

Kari: Das stimmt. Ich hatte nunmal keine drei Gitarristen damals und wollte etwas ganz anderes machen. Ich denke, dass die Musiker von The 3rd and the Mortal sehr daran interessiert sind, Musik aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus wahrzunehmen. Sie sind, mehr als alles andere, einfach sehr neugierige Musiker.

GW: Denkst du, dass eine musikalische Zusammenarbeit zwischen The 3rd and the Mortal und dir zukünftig noch einmal möglich wäre, auch und gerade, weil die musikalischen lange nicht mehr so gross sind, wie noch zu Beginn deiner Solokarriere.

Kari: Ich bin mir nicht sicher, auch wenn du vom Grundsatz her sicher recht hast. Momentan sieht es zwar nicht so aus, aber man ja nie wissen, was die Zukunft bringen wird.

Kari RueslattenGW: Wie fällt dein Fazit aus, wenn du heute auf die Alben zurückblickst, die ihr damals mit The 3rd and the Mortal eingespielt habt?

Kari: Als wir mit The 3rd and the Mortal begannen gab es kaum Bands, die eine feste Sängerin in ihren Reihen hatten. Bis dahin war das meist nur auf kurze Gastrollen beschränkt. Wir haben das damals in der Band auch sehr intensiv diskutiert, da keine andere Band das damals gemacht hat und die Frage aufkam, ob wir auch einen männlichen Sänger hinzu nehmen sollten. Aber genau das war das besondere and The 3rd and the Mortal, was uns hervorgehoben und ermöglicht hat, melodischere Dinge anzugehen. Wir haben niemanden benötigt, der rumschreit. Hinzu kam sicher auch eine gehörige Portion Zufall und ich bin aus heutiger Sicht sehr erfreut darüber, dass so viele Metal-Bands Sängerinnen in ihren Reihen haben, auch wenn ich finde, dass immer noch viel zu wenig Frauen im Musikbusiness ihren Mann stehen (lacht). Ab und an höre ich mir die alten The 3rd and the Mortal-Alben auch noch an. Ich finde, es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt, um sich auf weiterentwickeln zu können.

GW: Was denkst du demzufolge über Bands wie Nightwish und deren Erfolge?

Kari: Ich finde sie sehr gut. Tarja ist eine erstklassige Sängerin. Es geht ja nicht alleine darum, eine Frau in der Band zu haben, sondern hauptsächlich darum, dass sie gut sind in dem, was sie tun. Nightwish sind da sicher positiv hervorzuheben.

GW: Werden wir dich hier in Deutschalnd bald auch live zu Gesicht bekommen?

Kari: Das hoffe ich sehr. Die Band und ich arbeiten sehr hart darauf hin und wir sind sehr bestrebt nach Deutschland zu kommen um live zu spielen. Es ist eigentlich alles nur eine Frage des Geldes und der Administration und wir hoffen, im Frühjahr oder Anfang Sommer nach Deutschland zu kommen.


Michael Kuhlen (OBLIVEON) für GothicWorld


Review: "Other People’s Stories"

www.karirueslatten.com